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DEUTSCHES ALLGEMEINES SONNTAGSBLATT, 25. September 1998 Nr. 39/1998

Einsichten der Milieutheorie scheinen vorweggenommen ...

 

Der Jugendbewegte

Die Sache wird meist kritisch, wenn er die 40 deutlich überschritten hat, seine Besoldung von A13 nach A14 durchgestuft ist  und die Knochen zu knirschen beginnen. Wenn die Konfirmanden bei seinen Sprachversuchen - Hi, Hey Ihr, Boh Ey, geil! - vor  Scham erröten und gestandene Glieder der Gemeinde nur noch bedenklich mit dem Kopf wackeln, sobald die Rede auf ihn  kommt: auf den ewig jugendbewegten Pfarrer!

Er hat den Satz, dass die Jugend die Kirche von morgen sei, zum ehernen Prinzip seiner Arbeit erhoben. Ärgern sich die gereiften  Mitglieder des Kirchenvorstands über seine Krümeleien mit selbst gedrehten Zigaretten, bestätigt ihm dies nur, wie wichtig die  Jugend ist. Vertraulich flüstert er der restlos auf ihn eingeschworenen Jugendgruppe ein, es habe mal wieder an diesem  versteinerten Politbüro gelegen, dass es nichts werde mit dem neuen VW-Bully, dem Zuschuss für die Schwedentour, der  Renovierung des Partykellers und der Verlegung des sonntäglichen Gottesdienstbeginns auf jugendfreundliche 18 Uhr.

Doch alle  zwei Jahre ist für den jugendbewegten Pfarrer wirklich Weihnachten, dann fährt der Freund freakiger Kittel und luftdurchlässiger  Jeans zum evangelischen Kirchentag.  In langen Nächten auf harten Turnhallenböden erbringt der Patron junger Christen trotz drohender Hexenschussgefahr  unermüdlich den Beweis, dass sich jede mixolydische Kirchentonart des 16. Jahrhunderts mit gutem Willen auf drei  Schubba-schubba-Akkorde der Gitarre reduzieren lässt, sofern er den Seinen nicht gleich das ganze "muffige Zeug" aus dem  Liederfriedhof des Evangelischen Gesangbuchs erspart und ausschließlich auf sanfte Sakropopballaden setzt.

Spätestens mit Mitte 50 fängt sich unser Berufsjugendlicher eine handfeste Depression ein. Meist finden einfühlsame  Kirchenleitungen Mittel und Wege, den in Ehren ergrauten Helden auf ein unauffälliges Funktionspfarramt abzuschieben. Bei der  nächsten Fahrt zum Kirchentag mit einer offiziellen Delegation ist dann Hotelzimmer angesagt. Irgendwie schade, aber irgendwie  auch rückenschonend!  

Der sanfte Guru

Wohlgefühl, du hast einen Namen: Meditation. Keine falsche Bescheidenheit, ihr Gurus, die ihr euch anschickt, den
Protestanten zu zeigen, dass es jenseits dieser Welt der Hetze und Leistung noch eine andere gibt, eine Welt der Stille, der  Lichter und Zeichen. Ohne die Gurus wäre die Kirche zum Verwechseln ähnlich einem alternativen Sozialamt, wo sich Wohltäter  und arme Schlucker gegenseitig die Klinke in die Hand drückten.

Die Stärke des christlichen Meisters ist die Besinnung. Eine Insel der Ruhe und Kontemplation schafft er inmitten hektischen  Getriebes. Seine Stunde ist da, wenn alle ganz stille werden und nach vorne schauen, auf ihn. In seiner Stimme schwingt leises  Entzücken, wenn er den einfachen Menschen sagen darf, dass dieser Moment ganz und gar ihnen gehört.  Zen statt Video, Liturgie statt lustige Musikanten, Gebet statt schnelle Befriedigung. Oft keimt Mitleid in ihm auf, wenn er in die  müden, von banalen Sorgen beherrschten Gesichter schaut. Wie Mäuse im Laufrad treibt sie die Angst um Job, Haus und Auto  voran. Dazwischen schreitet er, der Seher, wohl wissend, wie bedürftig wir alle der geistlichen Nahrung sind.

Sein Wirken braucht den heiligen Raum. Moderne Zweckbauten sind ihm ein Greuel. Der Raum soll strahlen wie das Herz des  Menschen. Freilich muss er seine ahnungslosen Laien im Kirchenvorstand stets von neuem überzeugen, wie unverzichtbar das  Blumenarrangement, Bilder und Paramente und eine wohltemperierte Orgel für das geistliche Leben sind. Leidvoll erfährt er ein  ums andere Mal: Der Prediger in der Wüste, von dem die Bibel spricht, er ist es, der sanfte Guru, inmitten all der Protestanten.  Wie das hustet und wispert, wenn sein schlichtes Holzkreuz in der Stille wirkt, wie das in den Bänken knarrt, wenn er  andachtsvoll zum Lobpreis anhebt, welch ergreifendes Kribbeln, wenn man einander die Hand zum Friedensgruß darreicht. An  besonders schlechten Tagen peinigt ihn die Stillosigkeit seiner Mitbrüder und Mitschwestern bis ins Körperliche hinein.  Es ist eine arge Prüfung: Nur in winzigen Trippelschritten bewegen sich die Zeitgenossen auf dem Pfad des mystischen  Geheimnisses. Doch manchmal kommt dem Guru ein erlösender Traum: Dann sieht er sich an der Spitze einer großen  protestantischen Prozession, die selig voranschreitet.  

Die Ökofeministin

Auf einem ehedem schmalen, inzwischen ausgetretenen Pfad marschieren die wirklichen Liebhaber der Frauen: die  Ökofeministen. Sie widmen sich einem besonders ernsten Thema: Alle Menschen sind potentielle Opfer - zumeist der  Männerwelt. Umweltkatastrophendrohen und Begehrlichkeiten des anderen, meist männlichen Geschlechts. Und das Schlimmste  ist: Beides hängt ursächlich zusammen. Der ganzen, heilen Schöpfung pfuschte die Männerwelt dazwischen - oder war es die  Schlange, oder Eva, damals im Paradies? Ach was, Unfreiheit und Bevormundung gilt es abzuwenden, und dazu setzt die pastorale Ökofeministin, unterstützt durch ein  paar irrlichternde Männer, mit ihrer ganzen sprachlichen Kunst an: Gott ist kein Mann, Maria keine Heilige, der Leib kein  Gefängnis, und schon gar nicht zur Verfügung des Ehemanns.

Das weibliche Element hüllt sich, unter und auf der Kanzel, in lila Schale: gleichsam liturgisch zum Bußakt einladend - nicht  immer dem eigenen, sondern besonders dem der Männer. Die Verschränkung von Frauenbewegung und Evangelium ist  zweifelsohne eine hohe theologische Kunst, andererseits aber leichter zu bewerkstelligen als die logische Verwirbelung von  Vegetarismus und Psalmen beziehungsweise von Totalverweigerung und Bergpredigt. Kaum ein theologisches Thema, das sich nicht mit dem Kampf der Geschlechter verknüpfen ließe. Die Welt ist gleichsam durch  männliches Zutun aus dem Gleichgewicht geraten. Da ist ein pastorales Donnerwetter unabdingbar.

Wenn sich nicht Pfarrgemeinden, Kindergärten und christliche Schulen um das Thema Mädchen und Jungs kümmern, wer denn  dann? Wer vermöchte es sonst, solches Lamento gegen den männlichen Machismo und die Unmöglichkeit weiblicher  Selbstentfaltung auf den Punkt zu bringen?

Leuchtet also, ihr handtellergroßen, farbigen Ohrringe über den Talaren. Strahlt, ihr rot geschminkten Lippen über der gnadenlos  schwarzen Amtstracht der Pfarrerinnen. Schwirrt, ihr Worte voller Intuition und Ganzheitlichkeit, die der staubigen  Theologensprache entgegentritt. An Stöckelschuhen unter den Talaren ist noch keiner irre geworden, so wenig wie an blauen  Strümpfen in Gesundheitssandalen.  

Der theologische Aufklärer

Er lebt von den Irrtümern anderer wie eine Kürbispflanze vom Kompost. Je mehr Legenden den historischen Kern der Bibel  umweben, umso mehr drängt es ihn, mit der Machete ins wuchernde Gestrüpp zu schlagen. Ans Licht mit der Wirklichkeit,  Schluss mit den Halbwahrheiten!  Die immer noch unerschöpfliche Volksreligiosität garantiert dem Aufklärer Arbeit bis ans Ende seiner Tage. Wie lange lag Jesus  im Grab - und tat er es überhaupt? Erhob er sich mit Leib und Seele aus der Gruft - oder erstand er nur in unserem Denken und  Hoffen auf? Konnte er tatsächlich übers Wasser gehen - oder wusste er nur, wo die Steine lagen, wie ein Kirchenkalauer  behauptet? 

Nebel, nichts als Nebel. Der theologische Aufklärer kämpft gegen ganze Nebelwände von legendären, mythischen Vorstellungen,  dem Pfarrer und Pfarrerinnen allsonntäglich Vorschub leisten. Er sieht sich als Bademeister eines Reinigungsbades, aus dem die  Wahrheit hell und strahlend hervorgeht. Die Welt liegt in einem unauffälligen, gleichwohl gigantischen Kräfteringen der Heuchelei  mit der Wahrheit.  Wo Pfarrer und Pfarrerinnen historische Personen verklären und in den Himmel heben, da sieht sich der Aufklärer in der Pflicht,  Tacheles zu reden: Jesus, der Mensch. Jesus, der Mann. Jesus, der Freund der Frauen. Jesus, der schwierige Sohn. Jesus, der  Jude. Jesus, der ängstliche Mensch. Jesus, der Genießer.

Der Aufklärer steht - paradox genug - in einer geradezu kindlichen Abhängigkeit von der frömmelnden Harmoniesuche und  Volksreligiosität anderer Menschen. Ein Horror für ihn wäre: Gibt es keine populäre, gefühlvolle Verkündigung mehr, dann wird  er arbeitslos.  Kopf oder Herz? Natürlich Kopf. Kopf oder Bauch? Wieder ganz eindeutig Kopf. Emotionalen Eskapaden setzt der theologische  Aufklärer kluge, wohlformulierte Sentenzen entgegen. Und wofür es keine literarischen Quellen gibt, dem begegnet er mit  Argwohn.  Anerkennung für die Barths und Bultmanns des ausgehenden Jahrtausends! Zwar finden die Psychologen unter den Theologen momentan mehr Aufmerksamkeit als die Aufklärer - einfach weil ihre Theologie durch Mark und Bein, Bauch und Herz geht.  Doch als Fleisch gewordene Mahnung vor jeder Wohlfühlreligion haben sie ihren Platz - unter den Kanzeln, ganz oben auf dem  Bücherstapel.

Der große Schmerzensmann

Der mentale Sturzflug bedroht Menschen in der Lebensmitte: allüberall Vergeblichkeit und Mittelmaß, das Leiden ist groß.  Beharrliche Begleiter der Frustrierten sind Pfarrer, die sich selbst diese Haltung zu Eigen gemacht haben und in eigenwilliger  Abwandlung der Frohbotschaft die Lebenserfahrung kommunizieren: "Es ist alles so schrecklich."  Wie sollten sie auch nicht leiden? Die Volkskirche erodiert, die Ziegel fallen vom Kirchtumdach, die Orgel ist verstimmt, Gelder  werden knapp und zum Gottesdienst kommen nicht mehr als eine Handvoll Personen. Ist doch schade um die viele Arbeit.

Leiden steckt an, und Leiden ist eine christliche Tugend. Pastörlich zu leiden ist aber eine besondere Kunst: Es ist ein stilles,  gleichwohl unübersehbares Leiden, ein versteckt-offensichtliches Grämen, ein verschämt- demonstrativer Kummer - sicherlich  ganz und gar ernst gemeint, aber zugleich auch lehrreich. Die Gemeinde merkt auf: Es ist an der Zeit, sich Sorgen zu machen. Sagen wir, wie's ist: Man könnte ja so tolle Projekte starten, wenn es genug eld-Leute-Räume-Zeit-Autos-Parkplätze- Schreibkräfte-Ferienhäuser- Grillstellen-Sozialarbeiter-Ruderboote- Organisten gäbe. Und was wäre alles möglich, wenn es nicht immer Kirchenämter- Antragsformulare- Pröpste- Kirchenvorstände- Bauämter-  TÜVs- Tarifverträge- Mutterschaftsurlaube- Parkverbote- Krankschreibungen- Feuerschutzvorschriften gäbe.

Wenn uns eine Erlösung verheißen ist, dann auch die von Vorschriften aller Art. Den leidenden evangelischen Pfarrern und  Pfarrerinnen schwant eben nicht nur ein neuer Himmel, sondern auch eine neue Erde. Kein Ärger mehr, keine Magengeschwüre,  kein Burnout-Syndrom, kaum mehr Wochenend- und Feierabendarbeit. Aber jede Menge begeisterte Zeitgenossen, fraglos  hilfsbereit, unermüdlich charmant und am besten auch finanzstark. Und der große Schmerzensmann, die große Schmerzensfrau:  endlich am Ziel aller Wünsche.  

Der Manager im Talar

Das Wichtigste zuerst: Er ist besser als die meisten seiner Brüder und Schwestern im Amte. Während diese zumeist dumpf  und aus dem Bauch heraus vor sich hin seelsorgen, hat er, der Unternehmer im Talar, eine Analyse und ein klares Konzept.  Spirituelle Dienstleistung am Nächsten ist angesagt und zwar mit Power und auf einem gewissen Niveau!  Der alte Gemeindeklüngel interessiert ihn nicht. Kerngemeinde? Schrecklich! Was für ein graues, gescheitertes Milieu!  Distanzierte, sie sind der Kirchenmarkt der Zukunft! Mindestens die Hälfte aller Kontakte eines vernünftigen Managerpfarrers  müssen Außenkontakte sein, das gehört doch zum kleinen Einmaleins des Kirchenmarketing!

Zusammen mit Gleichgesinnten verbringt unser Mann viel Zeit auf Kongressen und Ausstellungen, schließlich muss er sicher  sein, dass Faxgerät, Modem und ISDN-Anschluss auf dem neusten Stand sind, bevor er so einfach eine Begegnung mit den ihm  anvertrauten Gemeindegliedern riskiert, denn unser Unternehmer im Talar weiß: Das Pfarramt von heute ist mit der  Geschäftsführung eines mittelständischen Unternehmens vergleichbar. Mut zur Führung und zur Leistung! Von der Wirtschaft  lernen heißt siegen lernen!

Warum können ihm darin bloß so viele Kolleginnen und Kollegen nicht folgen? Ach, das große Heer der Neider! Wenn es nach  ihm ginge, wäre mindestens der Hälfte derer, die heute die Kanzeln bevölkern, niemals das Gütesiegel "Ordination" verliehen  worden. Warum befreit der Herr seine Kirche nicht von der Heuschreckenplage der Ökos, Müslis und Altachtundsechziger, die  unentwegt über Partizipation, Sozialklimbim und Feminismus plaudern? Die abwechselnd auf der Klaviatur der Entrüstung und  der Überzeugung spielen.

Manchmal möchte der fromme Unternehmer schier verzweifeln. Warum hat er bloß damals die Angebote aus der freien  Wirtschaft abgelehnt. Würde er dort jetzt das Zehnfache verdienen? Dann könnte er sich, statt im Seniorenkreis "Stern, auf den  ich schaue" zu singen, endlich den Stern leisten, den er eigentlich verdient hätte: den von Mercedes!  

Das soziale Gewissen

In ihm ist David wieder erstanden. Den Bossen und Bonzen bietet er die Stirn. Kein Unrecht soll geschehen, ohne dass einer  es beim Namen nennt.  Nur: Oft ist keiner da, doch dann kommt er, kommt sie. Sie rufen einen Unterstützerkreis ins Leben, geben der symbolischen  Hausbesetzung geistlichen Rückhalt, bahnen einer kurdischen Männergruppe den Weg ins Gemeindehaus. Wozu taugt ein Pastor,  wenn nicht als Anwalt der Schwachen, als soziales Gewissen der Gemeinde, der Stadt, des Erdkreises?

Das Evangelium ist parteilich, und diese Tatsache macht den Gottesmann, die Gottesfrau ein wenig atemlos. Allzu viele  Benachteiligte harren seines Beistands. Da bleibt zur Vorbereitung der Predigt am Samstagabend im Zweifel nur wenig Zeit.  Zum Glück kriegt er trotzdem den Bogen: von der Schöpfungsgeschichte zum Skandal der Drogenpolitik, vom Auszug aus  Ägypten zum Warnstreik der Bierbrauer und von der Sendung des Heiligen Geistes hinüber zur geplanten Demo gegen rechts. So  lebendig gerät seine Ansprache, dass am Schluss allen klar ist: Der Heilige Geist weht hier und heute, im aktuellen Protest.

Diese Freunde des offenen Wortes schätzt und kennt man allenthalben, am meisten jenseits des eigenen Gemeindekreises.  Freilich, das geben sie zu: Man muss Prioritäten setzen, zur Not auch auf Kosten der Krankenbesuche, Geburtstagsfeiern,  Gespräche mit Eltern von Konfirmanden.  Das soziale Gewissen ruht und rastet nicht. Zum Glück gibt's da ein paar ältere Frauen, die beim Alltagsgeschäft der Gemeinde  einspringen. Haben ja auch sonst nicht viel zu tun. Sie überbringen nun Glück- und Segenswünsche und beste Grüße vom  Pfarrer.  Oder hätte David, statt gegen Goliath anzutreten, einen 80. Geburtstag mitfeiern sollen? Na also!
 

                                              ©DS - DEUTSCHES ALLGEMEINES SONNTAGSBLATT,
                                                                     25. September 1998 Nr. 39/1998
 

 

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