Predigtkern
Beten ist nicht zuerst der innere Monolog der Frommen, sondern das Eintreten in die Weite Gottes selbst, der will, dass alle Menschen gerettet werden - und Christus, der sich fuer alle gegeben hat, ist der Mittler, durch den unser muedes Bitten zu Gott kommt.
Gliederung
1. Lukas fragt: Bringt das ueberhaupt was? - die Frage einer ganzen Generation
2. Eine erstaunliche Anweisung: Bitten und Fuerbitten fuer ALLE Menschen, auch fuer Maechtige
3. Gottes Herz ist weit - und unser Beten darf so weit werden wie Sein Herz
4. Christus als der eine Mittler - warum wir nicht 'richtig' beten muessen
5. Schluss: Beten als Eintreten in die Bewegung Gottes selbst
Predigt
Liebe Gemeinde,
„Oma, bringt das eigentlich was?" Frau Hartmann legt die Zeitung beiseite. Sie sitzt mit ihrem Enkel Lukas am Küchentisch, es ist Donnerstagnachmittag, und Lukas isst seinen zweiten Apfel. „Was meinst du, Lukas?" — „Na, das Beten halt. Du betest doch jeden Abend. Tante Inge hat aber trotzdem den Krebs. Und in den Nachrichten ist auch alles immer gleich. Bringt das was?" Frau Hartmann schweigt einen Moment. Sie weiß, dass die Antwort, die ihr zuerst auf die Zunge kommt, zu fromm wäre. „Ich weiß es nicht so genau, Lukas", sagt sie schließlich. „Aber ich weiß, dass ich nicht aufhören kann."
Heute ist Sonntag Rogate. „Rogate", das ist Latein und heißt schlicht „Bittet!". Es ist der Sonntag, an dem die Kirche jedes Jahr neu in die Frage hineintritt, die Lukas am Küchentisch gestellt hat. Bringt das was? Was tun wir eigentlich, wenn wir die Hände falten? Reden wir mit uns selbst? Reden wir mit Gott? Und wenn wir mit Gott reden — hört er? Und wenn er hört — verändert das etwas?
Unser Predigttext gibt darauf eine Antwort, die uns vielleicht überraschen wird. Er kommt aus dem ersten Brief an Timotheus, einem der späteren Schreiben des Neuen Testaments. Paulus — oder einer seiner Schüler in seinem Namen — schreibt an seinen jungen Mitarbeiter Timotheus, der gerade eine Gemeinde in der Stadt Ephesus leitet. Und das Allererste, was er ihm einschärft, das, was vor allen anderen kirchlichen Dingen stehen soll, das ist nicht: predige korrekt. Nicht: kläre die Lehre. Nicht: sortiere die Streitigkeiten. Sondern: betet.
Hören wir den Text. „So ermahne ich nun, dass man vor allen Dingen tue Bitte, Gebet, Fürbitte und Danksagung für alle Menschen, für die Könige und für alle Obrigkeit, damit wir ein ruhiges und stilles Leben führen können in aller Frömmigkeit und Ehrbarkeit. Dies ist gut und wohlgefällig vor Gott, unserm Heiland, welcher will, dass alle Menschen gerettet werden und sie zur Erkenntnis der Wahrheit kommen. Denn es ist ein Gott und ein Mittler zwischen Gott und den Menschen, nämlich der Mensch Christus Jesus, der sich selbst gegeben hat als Lösegeld für alle."
Vor allen Dingen — sagt der Apostel. Bitte, Gebet, Fürbitte und Danksagung. Vier Worte, die fast dasselbe sagen, aber doch jedes für sich einen eigenen Klang hat. „Bitte" ist das einfache Anliegen: Hilf mir. „Gebet" ist das umfassendere Sprechen mit Gott. „Fürbitte" — das Beten für andere. Und „Danksagung", das nicht zu vergessende Element: das Sehen dessen, was gut ist, das Zurückbinden des eigenen Lebens an den Geber.
Und nun das Erstaunliche: Der Apostel sagt nicht, für wen wir beten sollen. Er sagt — für alle. Für alle Menschen. Und damit es kein Missverständnis gibt, fügt er hinzu: auch für die Könige, auch für alle Obrigkeit. Wir müssen uns klarmachen, was das damals bedeutete. Wir reden hier von einer kleinen christlichen Minderheit im Römischen Reich. Wir reden von Menschen, die unter Herrschern lebten, die sie nicht gewählt hatten, die ihnen oft feindlich gesinnt waren, die ihre Glaubensgeschwister einsperrten, manchmal hinrichteten. Und der Apostel sagt: Betet auch für die. Nicht: gegen die. Nicht: dass sie weggemacht werden. Sondern: für sie.
Liebe Gemeinde, das ist eine fast unmenschliche Weite. Es ist eine Weite, die nicht aus uns selbst kommt. Sie kommt aus dem Herzen Gottes selbst. Denn wenige Verse später kommt der entscheidende Satz: „Gott will, dass alle Menschen gerettet werden und sie zur Erkenntnis der Wahrheit kommen." Alle Menschen. Nicht nur die Frommen. Nicht nur die Sympathischen. Nicht nur unsere. Alle. Auch die, vor denen wir uns ekeln. Auch die, die uns weh tun. Auch die, deren Politik wir nicht ertragen. Gott will, dass sie alle gerettet werden.
Und unser Beten, sagt der Apostel, soll Anteil bekommen an diesem Wollen Gottes. Wir sollen so beten, wie Gott will. Das heißt: Wir dürfen unser Herz weit machen lassen. Wir dürfen anfangen, mit den Augen Gottes zu sehen. Wir dürfen Menschen ins Gebet nehmen, von denen wir uns sonst innerlich abwenden. Und genau in diesem Mitgehen mit Gott — nicht in einer kleinen frommen Privatsache — geschieht das, was Beten eigentlich ist.
Aber, liebe Gemeinde, ich höre die Frage von Lukas. Bringt das was? Lassen Sie mich darauf etwas Ehrliches sagen. Beten ist kein Automat. Es ist nicht so, dass man oben ein Anliegen einwirft und unten kommt das gewünschte Ergebnis heraus. Wer das von Gott erwartet, wird tief enttäuscht werden — denn Gott ist kein Geldautomat. Aber Beten ist auch nicht das Gegenteil davon. Es ist nicht reines Selbstgespräch, nicht bloßes Lufttreten. Beten ist etwas Drittes: Es ist Eintreten. Eintreten in eine Bewegung, die schon da ist. Gott bewegt sich auf seine Schöpfung zu — er hat sich entschieden, sie nicht aufzugeben. Und wenn wir beten, dann gehen wir nicht in einen leeren Raum. Wir steigen mit ein in das, was er sowieso schon tut.
Manche von Ihnen kennen das aus dem eigenen Leben. Da ist über Jahre für jemanden gebetet worden, und der Mensch ist nicht plötzlich geheilt worden. Aber etwas anderes hat sich verändert. Vielleicht das Beten selbst hat den Beter verändert. Vielleicht haben sich plötzlich Türen geöffnet, von denen niemand wusste, dass sie da waren. Vielleicht ist eine Versöhnung möglich geworden, wo vorher nur Trennung war. Beten ist nicht magisch — aber es ist auch nicht folgenlos.
Und nun kommt der zweite Punkt im Predigttext, der das Ganze erst trägt. Der Apostel schreibt: „Es ist ein Gott und ein Mittler zwischen Gott und den Menschen, nämlich der Mensch Christus Jesus, der sich selbst gegeben hat als Lösegeld für alle." Christus ist der Mittler. Das ist ein riesiges Wort. Es heißt: Wir haben kein Recht aus uns selbst, vor Gott zu treten. Wir wissen nicht, wie wir beten sollen. Wir kennen die Worte nicht, mit denen man Gott würdig ansprechen könnte. Wir sind keine Profis im Heiligen.
Aber wir brauchen das auch nicht zu sein. Denn da ist einer, der für uns hingegangen ist. Christus, der sich selbst gegeben hat. Der das Lösegeld bezahlt hat — ein Bild, das aus dem Sklavenmarkt kommt: Da ist jemand frei gekauft worden, der gefangen war. Und durch diesen einen Mittler dürfen wir nun beten, dürfen wir nun reden, dürfen wir nun Anliegen aussprechen, ohne uns ständig zu fragen, ob die Form stimmt. Christus ist die offene Tür. Wir gehen einfach hindurch.
Liebe Konfirmandinnen und Konfirmanden, falls ihr euch fragt, wie man eigentlich „richtig" betet — hier ist die einfachste Antwort, die ich euch geben kann. Ihr müsst es nicht richtig machen. Christus macht es richtig. Ihr müsst nicht die hohen Worte finden. Ihr dürft einfach reden. Und wenn euch nichts einfällt, dann ist auch das ein Gebet — das stille Sitzen vor Gott, das Hinhalten der eigenen Müdigkeit. Sogar Schweigen kann beten sein. Vor allem dann, wenn die Worte zu klein wären für das, was im Herzen ist.
Und für alle, die schon lange dabei sind: Hören wir es noch einmal. Wir leben in einer Zeit, in der alles laut ist. Die Nachrichten überschlagen sich. Auf dem Smartphone klingelt es ständig. In den Köpfen läuft das Karussell nicht mehr ganz so leicht aus. Manche von uns merken, dass das Beten schwerer geworden ist — nicht weil der Glaube weg wäre, sondern weil der Lärm so dicht geworden ist, dass es schwerfällt, einen ruhigen Atemzug zu finden. Und auch die Politik, die uns umgibt, lässt uns oft eher fluchen als beten. Da hilft uns dieser Vers: Auch für die Könige. Auch für die Obrigkeit. Wir müssen sie nicht gut finden, um für sie zu beten. Wir müssen sie nur unter den Schirm Gottes stellen. Dann werden sie aus Feinden zu Menschen, für die jemand verantwortlich ist — Gott selbst.
Und genau das, liebe Gemeinde, ist die Befreiung. Wenn ich für jemanden bete, gebe ich ihn aus meiner Hand in eine größere Hand. Ich muss ihn nicht mehr richten. Ich muss ihn nicht mehr ertragen aus eigener Kraft. Ich darf ihn anvertrauen. Und in dem Augenblick, wo ich das tue, wird mein eigenes Herz weiter. Mein eigenes Herz wird ein Stück Gottesherz.
Frau Hartmann hat ihrem Enkel an dem Donnerstag noch eines gesagt. „Lukas", hat sie gesagt, „ich bete jeden Abend für dich. Auch wenn du mal in der Schule blöd bist. Auch wenn du was angestellt hast. Ich bete dann nicht: lass ihn brav werden. Ich bete einfach: pass auf ihn auf. Du, lieber Gott, weißt schon." Lukas hat erst gegrinst, ein bisschen verlegen. Und dann hat er gesagt: „Echt? Jeden Abend?" Und Frau Hartmann hat genickt. Und Lukas hat lange nichts gesagt. Aber er hat den Apfel zu Ende gegessen.
Wir wissen nicht, ob das was bringt — im Sinne von Statistik und Erfolg. Aber wir wissen: Da gibt es einen Jungen, der weiß, dass jemand für ihn vor Gott eintritt. Und dieses Wissen ist selbst schon eine Kraft, die das Leben formt. Es ist die Kraft der Fürbitte. Und es ist die Kraft, die der Apostel meint, wenn er sagt: vor allen Dingen.
Es lohnt sich, an dieser Stelle einen Augenblick innezuhalten und zu fragen: Wie betet eigentlich Christus? Denn das ist die zweite Tiefe, die in unserem Predigttext mitschwingt. Wenn der Apostel sagt, Christus sei der eine Mittler, dann meint er nicht nur, dass durch Christus unsere Gebete zum Vater gehen. Er meint auch, dass Christus selbst betet. Im Brief an die Hebräer heißt es, dass Christus immer für uns eintritt vor Gott. Er hört nicht auf, ein bittender Mensch zu sein. Auch jetzt, in diesem Augenblick, betet er für seine Gemeinde, betet er für jeden Einzelnen, dessen Name in seinem Buch steht.
Das ist eine ungeheure Vorstellung. In der Sekunde, in der wir uns abends ans Bett knien oder auf dem Sofa die Hände falten und vielleicht keine Worte finden — in genau dieser Sekunde betet Christus mit. Wir beten nicht allein. Unser müdes, unsicheres, oft fehlerhaftes Bitten wird aufgehoben in sein klares, vollkommenes Bitten. Und das gilt selbst dann, wenn wir gar nicht beten. Wenn wir uns abwenden. Wenn wir wütend auf Gott sind. Auch dann betet er weiter für uns, und das ist vielleicht die größte Treue, die wir uns überhaupt vorstellen können.
Wenn das stimmt — und ich glaube, es stimmt — dann verändert sich auch unsere Sicht auf Menschen, für die wir keine Hoffnung mehr haben. Vielleicht haben wir aufgegeben, für jemanden zu beten. Vielleicht ist da ein Mensch, dessen Name uns nur noch Schmerz bereitet. Aber Christus hat ihn nicht aufgegeben. Christus betet weiter für ihn. Und wir dürfen uns auf seinen Atem verlassen. Auch wenn unser Atem schon längst ausgegangen ist.
So, liebe Gemeinde, lade ich uns ein an diesem Sonntag Rogate, in dieser stillen, hellen Zeit zwischen Ostern und Pfingsten: Lasst uns beten. Nicht perfekt. Nicht laut. Nicht spektakulär. Aber im Vertrauen darauf, dass Christus für uns mittlert, dass Gott das Heil für alle will, und dass unser kleines Bitten in eine viel größere Bewegung eingeht. Und dann werden wir vielleicht eines Tages sagen können — leise, ohne große Worte: Ja, es bringt was. Aber nicht so, wie wir gedacht hatten. Sondern viel größer.
Und der Friede Gottes, der höher ist als all unsere Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.
