Wenn Künstliche Intelligenz Predigten schreibt – ein Segen oder ein Irrweg?

Es ist Samstagabend, kurz vor Mitternacht. Pastor Michael K. sitzt noch immer an seinem Schreibtisch. Die Predigt für den Sonntagsgottesdienst ist noch nicht fertig. Der Text ist schwierig: die Bergpredigt, Matthäus 5. Wie soll er die uralten Worte „Selig sind die Sanftmütigen" einer Gemeinde nahebringen, die gerade die neuesten Nachrichten über Krieg und Gewalt auf ihren Smartphones verfolgt hat? In seiner Verzweiflung öffnet er ein Fenster auf seinem Computer. Nicht zum Gebet – sondern zu ChatGPT.

Was vor wenigen Jahren noch wie Science-Fiction geklungen hätte, ist längst Realität in deutschen Pfarrhäusern: Künstliche Intelligenz als Predigthelfer. Die Technologie polarisiert die evangelische Kirche wie kaum ein anderes Thema. Während die einen von revolutionären Möglichkeiten sprechen, warnen andere vor dem Ausverkauf der Seelsorge.

Der Alltag in der Überlastung

Die Zahlen sprechen eine deutliche Sprache: Laut der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) betreut ein Pfarrer oder eine Pfarrerin heute durchschnittlich 2.200 Gemeindeglieder – Tendenz steigend. Neben der sonntäglichen Predigt warten Taufen, Beerdigungen, Konfirmandenunterricht, Seelsorge, Verwaltungsaufgaben. „Ich habe oft das Gefühl, dass die Predigt – eigentlich meine Kernaufgabe – zur Nebensache wird", sagt Pfarrerin Anna Schmidt aus Hannover.

In dieser Situation erscheint KI-Unterstützung manchen wie ein Rettungsanker. Die Programme können biblische Texte analysieren, historische Kontexte erklären, Predigtstrukturen vorschlagen – und das in Sekunden. „Ich nutze KI wie einen Sparringspartner", erklärt Pastor Thomas Weber aus München. „Sie gibt mir Anstöße, auf die ich selbst vielleicht nicht gekommen wäre. Aber die finale Predigt, die ist und bleibt meine eigene."

Die Bandbreite der Nutzung ist groß: Manche lassen sich nur Ideen für Einstiege generieren. Andere nutzen KI für die Recherche zu historischen Hintergründen. Und einige wenige – so wird hinter vorgehaltener Hand berichtet – übernehmen ganze Textpassagen nahezu unverändert. Offizielle Zahlen gibt es nicht; das Thema ist in vielen Gemeinden noch ein Tabu.

Die theologische Provokation

„Eine Predigt ist kein Sachtext, den man optimieren kann wie eine Gebrauchsanweisung", betont Professor Dr. Christiane Müller, Praktische Theologin an der Universität Heidelberg. „Die Predigt ist Zeugnis des Glaubens, persönliche Auseinandersetzung mit dem Wort Gottes. Sie lebt von der Authentizität dessen, der sie hält."

Hier liegt der Kern der theologischen Debatte: Kann eine Maschine, die nicht glaubt, nicht zweifelt, nicht betet, überhaupt etwas Sinnvolles über Gott sagen? Die KI hat keine existenziellen Erfahrungen, kennt weder Trost noch Verzweiflung. Sie reproduziert Muster aus unzähligen Texten – aber versteht sie auch, wovon sie spricht?

Doch die Befürworter halten dagegen: „Auch menschliche Prediger zitieren Kommentare, lesen Auslegungen anderer, lassen sich inspirieren", argumentiert der Hamburger Theologe Dr. Martin Braun. „KI ist nur ein weiteres Werkzeug in dieser langen Tradition des theologischen Dialogs. Luther selbst hat sich auf die Kirchenväter gestützt."

Ein besonderes Experimentierfeld war der Gottesdienst in der Fürther Pauluskirche im Juni 2023: Dort hielt ChatGPT die komplette Predigt – vorgetragen von einem Avatar auf zwei großen Bildschirmen. Die 300 Besucher erlebten eine technisch einwandfreie, theologisch korrekte, aber emotional merkwürdig flache Ansprache. „Es war interessant, aber es hat mich nicht berührt", fasste eine Besucherin zusammen. Das Experiment zeigte die Grenzen der Technologie auf – aber auch ihr Potenzial.

Zwischen Effizienz und Seelsorge

Die pragmatische Perspektive wird oft von jüngeren Theologen vertreten. „Wir müssen ehrlich sein", sagt Vikarin Lisa Hoffmann, 28 Jahre alt. „Viele Gemeindeglieder merken nicht, ob eine Predigt mit KI-Unterstützung entstanden ist oder ohne. Was zählt, ist die Qualität der Botschaft und wie sie vermittelt wird."

Tatsächlich zeigt die KI oft Stärken in Bereichen, in denen Menschen schwächeln: Sie ist nie voreingenommen, kennt keine schlechten Tage, findet auch zu schwierigen Texten einen Zugang. Sie kann verschiedene Perspektiven gleichzeitig berücksichtigen und komplexe theologische Zusammenhänge verständlich erklären.

Aber: „KI kann keine Trauerfeier halten, bei der sie die Verstorbene jahrelang begleitet hat", gibt Superintendentin Dr. Katharina Meier zu bedenken. „Sie kann keine Seelsorge leisten für jemanden, der mitten in einer Lebenskrise steckt. Das sind zutiefst menschliche Aufgaben, die Empathie, Erfahrung und echte Beziehung erfordern."

Die Diskussion dreht sich auch um die Frage der Zeitersparnis: Wenn KI die Vorarbeit erledigt, haben Pfarrerinnen und Pfarrer mehr Zeit für persönliche Begegnungen. Das könnte ein Gewinn sein. Doch Kritiker warnen: „Die Gefahr ist, dass man die gewonnene Zeit nicht in Seelsorge investiert, sondern in noch mehr administrative Aufgaben." Die Kirche müsse aufpassen, nicht dem Effizienzdenken zu verfallen, das andere Bereiche der Gesellschaft bereits erfasst hat.

Die ethischen Dimensionen

Transparenz ist ein weiteres heikles Thema. Sollten Gemeindeglieder darüber informiert werden, wenn eine Predigt mit KI-Unterstützung entstanden ist? Die Meinungen gehen auseinander. „Absolute Transparenz", fordert die Theologin
Müller. „Alles andere wäre unehrlich." Andere halten das für übertrieben: „Sagt ein Handwerker auch dazu, welche Werkzeuge er benutzt hat?"

Ein weiterer Aspekt: die Ausbildung. „Wenn angehende Theologen sich zu sehr auf KI verlassen, lernen sie vielleicht nie, selbst tiefgehend mit biblischen Texten zu ringen", warnt Professor Hermann Koch vom Predigerseminar in Wittenberg. „Das exegetische Handwerk, die Fähigkeit zur eigenständigen theologischen Reflexion – das muss man trainieren, immer wieder. KI darf nicht zur Krücke werden, die verhindert, dass man das Laufen lernt."

Hinzu kommt die Frage nach der Kontrolle über die Daten: Wer speichert die Predigtentwürfe, die in KI-Systeme eingegeben werden? Welche Unternehmen profitieren davon? Und: Können sich ärmere Gemeinden diese Technologie überhaupt leisten, oder entsteht eine neue digitale Spaltung auch in der Kirche?

Die Gemeinde antwortet

Was denken eigentlich die Menschen in den Kirchenbänken? Eine informelle Umfrage in drei niedersächsischen Gemeinden zeigt ein differenziertes Bild. „Solange die Predigt gut ist und mich anspricht, ist mir egal, wie sie entstanden ist", sagt der 52-jährige Ingenieur Markus L. Seine Sitznachbarin, die 74-jährige Rentnerin Gisela B., sieht das anders: „Ich möchte, dass mein Pastor aus seinem Herzen spricht, nicht aus einem Computer."

Interessanterweise sind die jüngeren Gemeindemitglieder nicht automatisch aufgeschlossener. „Gerade weil wir in unserem Alltag ständig mit digitaler Kommunikation konfrontiert sind, suchen viele in der Kirche das Authentische, das Menschliche", erklärt die 28-jährige Studentin Jana S. „Wenn auch hier die KI einzieht, was bleibt dann noch übrig?"

Einige Gemeinden haben bereits begonnen, das Thema offen zu diskutieren. In Gesprächskreisen und bei Gemeindeversammlungen wird abgewogen: Was darf KI, was soll sie nicht? Die Ergebnisse sind erstaunlich einhellig: KI als Hilfsmittel für Recherche und Strukturierung – ja. KI als Ersatz für persönliche Auseinandersetzung und authentische Verkündigung – nein.

Ein Weg zwischen den Extremen

Die EKD hat bislang keine offizielle Position zur KI-Nutzung bei Predigten veröffentlicht. „Wir beobachten die Entwicklung mit großem Interesse", heißt es aus der Zentrale in Hannover. „Eine pauschale Ablehnung wäre ebenso verfehlt wie eine unkritische Euphorie."
Viele Theologen plädieren für einen mittleren Weg: KI nicht verteufeln, aber auch nicht vergöttern. Sie als Werkzeug nutzen, aber nie die Verantwortung an sie abgeben. „Die Predigt muss durch mich hindurchgegangen sein", formuliert es Pastor Weber. „Ich muss jeden Satz durchdacht, innerlich bejaht und zu meinem eigenen gemacht haben. Erst dann kann ich ihn mit Überzeugung von der Kanzel verkünden."

Die Entwicklung wird weitergehen. Schon jetzt arbeiten Unternehmen an KI-Systemen, die speziell für theologische Texte trainiert werden. Digitale Assistenten könnten künftig nicht nur Predigten, sondern auch Andachten, Gebete oder Bibelarbeiten erstellen. Die Frage wird bleiben: Wo ist die Grenze zwischen sinnvoller Unterstützung und problematischem Outsourcing?

Eines ist sicher: Die digitale Kanzel wird die Kirche verändern. Ob zum Guten oder zum Schlechten, hängt davon ab, wie bewusst und verantwortungsvoll die Technologie eingesetzt wird. „Wir dürfen nicht vergessen", mahnt Theologieprofessorin Müller, „dass es beim Glauben um Beziehung geht. Zu Gott, zu den Mitmenschen, zu sich selbst. Und Beziehung kann man nicht automatisieren."

Pastor Michael K. hat seine Predigt für den Sonntagsgottesdienst fertiggestellt – mit Unterstützung von ChatGPT für die historischen Hintergründe zur Bergpredigt. Aber die Kernaussage, die persönliche Anwendung auf die Situation der Gemeinde, das kam aus seinem Herzen. „Die KI hat mir Zeit gespart", sagt er. „Aber die Predigt gehalten habe ich. Und das ist der entscheidende Unterschied."

KI und Kirche in Zahlen

  • Durchschnittliche Gemeindegröße pro Pfarrer/in in der EKD: 2.200 Personen
  • Geschätzte Vorbereitungszeit für eine Predigt: 8-15 Stunden
  • Anzahl der Pfarrstellen in der EKD (2023): ca. 21.000
  • Bekanntester KI-Gottesdienst: Fürth, Juni 2023, ca. 300 Besucher