26.04.2026 · Jubilate · Johannes 16,20–24 (Reihe II)
Predigtkern:
Jubilate – Jubelt! Aber Jesus ist zuallererst ehrlich: Trauer und Freude liegen nah beieinander. Er verspricht eine Freude, die niemand nehmen kann – nicht weil das Leben leichter wird, sondern weil er mitten drin ist.
Gliederung:
– „Jubilate“ – und die Wirklichkeit
– Jesus nennt die Trauer zuerst: Ehrlichkeit als Trost
– „Eure Freude soll niemand von euch nehmen“ – das Versprechen
– Konfi-Fenster: Freude, die hält
– Bitten und Empfangen – das Gebet als Weg
Am Samstag vor dem Konfirmationsgottesdienst war Jonas beim Probedurchgang in der Kirche. Die Konfirmanden übten den Einzug, die Plätze, die Reihenfolge. Irgendwann flüsterte Jonas zu dem Mädchen neben ihm: „Ich bin so nervös.“ Sie nickte. Margarete war an diesem Morgen auch in der Kirche gewesen, um die Blumen zu arrangieren. Sie hatte die Jugendlichen beobachtet – das leise Kichern, das Flüstern, dann das Stillwerden, wenn die Pfarrerin sprach. Wie jung sie waren. Wie viel noch vor ihnen lag. Und wie viel schon hinter ihr. Sie dachte: Hans und ich haben hier auch gestanden. Das war lange her. Damals war sie genauso nervös gewesen.
Jubilate – Jubelt. So heißt dieser Sonntag. Die Kirche gibt uns einen Imperativ mit auf den Weg: Freut euch! Singt! Und manchmal frage ich mich, ob dieser Imperativ nicht auch Druck erzeugt. Als müsste man die Freude auf Kommando produzieren können. Als wäre Traurigkeit, Müdigkeit oder Zweifel ein Defizit, ein Fehler im System. Als hätte man versagt, wenn man am Jubilate-Sonntag nicht in Festlaune ist.
Aber Jesus selbst macht das ganz anders. Ausgerechnet Jesus. In dem Abschnitt aus dem Johannesevangelium, der uns heute begleitet, sagt er zuerst etwas von bemerkenswerter Ehrlichkeit: „Wahrlich, wahrlich, ich sage euch: Ihr werdet weinen und klagen, aber die Welt wird sich freuen; ihr werdet traurig sein, doch eure Trauer soll zur Freude werden.“ Er sagt nicht: Hört auf zu weinen. Er sagt nicht: Reißt euch zusammen, die Auferstehung ist doch geschehen. Er benennt die Trauer. Er nimmt sie ernst. Er weiß, dass seine Jünger weinen werden – weil er stirbt, weil Verlust real ist, weil Schmerz wirklich schmerzt.
Das ist keine Vertröstung. Das ist Ehrlichkeit. Und es ist eine der tiefsten Formen des Trostes: wenn jemand sagt – nicht „Es ist alles nicht so schlimm“, sondern „Ich weiß, dass es schlimm ist. Ich sehe es. Und trotzdem sage ich dir: Es wird anders werden.“
Manche von Ihnen tragen gerade Trauer. Die Trauer um Menschen, die gegangen sind. Die Trauer um die eigene Gesundheit, die nicht mehr so ist wie früher. Vielleicht auch die leise, schwer zu benennende Trauer, dass vieles von dem, was man sich für die Gemeinde, für die Kirche, für das Dorf gewünscht hat, sich nicht so entwickelt hat. Schrumpfende Gemeinden. Weniger junge Menschen. Das Gefühl: Wir werden weniger. Jesus lässt das stehen. Er streicht es nicht weg. Er sagt: Eure Trauer soll zur Freude werden. Nicht: Eure Trauer wird von einer Freude verdrängt, als wäre sie nie da gewesen. Sondern: Die Trauer selbst wird sich verwandeln.
Und er nimmt dafür ein Bild aus dem wirklichen Leben. Ein Bild, das jede Frau kennt, die ein Kind geboren hat, und das jeder kennt, der dabei war: Eine Frau, die gebärt, leidet in der Stunde des Schmerzes – und wenn das Kind da ist, denkt sie nicht mehr an die Bedrängnis, vor Freude, dass ein Mensch zur Welt gekommen ist. Die Freude entsteht nicht trotz des Schmerzes. Sie entsteht durch ihn hindurch. Das ist Ostertheologie. Karfreitag und Ostern trennen sich nicht wie zwei verschiedene Kapitel. Die Freude, die Jesus verspricht, ist nicht die Freude des Verdrängens. Es ist die Freude des Durchgehens.
Martin Luther hat die Freude des Christen nie als Leichtigkeit verstanden, die alles Schwere überspringt. Die christliche Freude gründet auf dem Evangelium – auf der Gewissheit, dass Gott sich zu uns bekannt hat, dass die Gnade real ist, dass der Tod nicht gewinnt. Diese Freude lässt sich nicht produzieren und auch nicht als Leistungskennzahl messen. Sie ist eine Gabe. Und wie alle Gaben: Man kann sie empfangen oder man kann sich ihr verschließen. Man kann sich ihr öffnen oder man kann sich dichtmachen. Aber sie ist da.
Und dann folgt der Satz, der dem ganzen Sonntag seinen Charakter gibt: „Ich will euch wiedersehen, und euer Herz soll sich freuen, und eure Freude soll niemand von euch nehmen.“ Niemand soll sie nehmen. Nicht die Sorgen des Alltags. Nicht die Schlagzeilen. Nicht die Einsamkeit. Nicht das Gefühl der Bedeutungslosigkeit. Nicht das Schrumpfen der Gemeinde. Nicht die Technik, die einen überfordert. Niemand. Das ist ein erstaunlich radikales Versprechen. Jesus sagt nicht: Eure Freude wird immer groß und sichtbar sein. Er sagt: Niemand nimmt sie euch. Sie gehört euch. Sie ist in euch, tiefer als die Erschöpfung, tiefer als die Trauer, tiefer als alles, was von außen auf euch einwirkt.
Karl Barth hat darauf hingewiesen: Die Freude, die Jesus verspricht, ist nicht von dieser Welt – aber sie ist für diese Welt. Sie macht uns nicht weltfremd oder gleichgültig. Sie macht uns standhaft. Wer weiß, dass ihm niemand seine Freude nehmen kann, der muss sie nicht verteidigen und nicht erzwingen. Der kann offen sein – für den anderen, für den Fremden, für den Zweifelnden. Weil das Fundament hält, ist Offenheit möglich. Weil die Freude geschenkt ist, muss man sie nicht erkämpfen.
Dietrich Bonhoeffer hat in seinen Briefen aus der Gefangenschaft über die Freude geschrieben – eine Freude, die kein billiges Ja zur Welt ist, sondern ein Ja, das die Augen offen hält. Eine Freude, die weinen kann und trotzdem trägt. Die den Schmerz kennt und trotzdem singt. Er schrieb das in einer Situation, in der Jubeln das Absurdeste der Welt gewesen wäre. Und trotzdem: er jubelte. Nicht weil alles gut war. Sondern weil das Fundament hielt.
Jonas wird in wenigen Tagen konfirmiert sein. Er wird vor dieser Gemeinde stehen, nervös, in neuen Kleidern, und ein Bekenntnis ablegen. Er macht es nicht, weil er alles versteht. Er macht es nicht, weil er keine Fragen mehr hat. Er macht es, weil er es versuchen will. Weil er gehört hat, dass da einer ist, der ihn kennt und nicht loslässt. Und diese Freude, die Jesus verspricht – die ist nicht für fertige Menschen. Die ist für unterwegs. Für den Weg, auf dem man noch nicht angekommen ist. Für den Sonntagmorgen und den Mittwochnachmittag und den schlaflosen Dienstagabend. Für den Konfirmationstag und für alle Tage danach, wenn das Konfirmationskleid längst im Schrank hängt und das Leben weitergeht.
Der Apostel Paulus schreibt den Philippern: „Freut euch in dem Herrn allewege, und abermals sage ich: Freut euch!“ Er schreibt das aus dem Gefängnis. Auch er kennt die Spannung: Jubilate – und trotzdem. Und trotzdem! Nicht an Stelle der Wirklichkeit, sondern mitten in ihr.
Am Ende des Abschnitts sagt Jesus noch: „Bisher habt ihr um nichts gebeten in meinem Namen. Bittet, so werdet ihr empfangen, damit eure Freude vollkommen sei.“ Bitten. Das Gebet als Weg zur Freude. Nicht als Pflichtübung, nicht als fromme Formel. Sondern als das, was es ursprünglich ist: Sich hinwenden zu dem, der mich kennt. Sagen, was ist. Auch wenn es unordentlich ist. Auch wenn man nicht weiß, wie man anfangen soll. „Ich weiß nicht weiter“ ist ein vollständiges Gebet. „Hilf mir“ ist ein vollständiges Gebet. Und manchmal: einfach still dasitzen und da sein. Das zählt auch.
Margarete wird an diesem Sonntag nicht nur zuschauen, wenn Jonas konfirmiert wird. Sie wird beten. Für ihn. Für seine Generation. Für all die anderen, die sich gerade fragen, ob der Glaube hält, was er verspricht. Und vielleicht wird sie spüren – nicht laut, nicht überwältigend, aber real und tragend –, dass die Freude, die niemand nehmen kann, größer ist als alle Trauer und alle Erschöpfung und alle Fragen zusammen. Nicht weil diese Dinge verschwinden. Sondern weil sie nicht das letzte Wort haben.
Jubilate. Nicht als Befehl. Als Einladung. Als Versprechen dessen, der weint mit denen, die weinen – und dessen Freude trotzdem niemand nehmen kann.
Amen.
