05.04.2026 · Ostersonntag · Matthäus 28,1–10 (Reihe II)
Predigtkern:
Ostern beginnt nicht mit Jubel, sondern mit Erschrecken – und genau dorthin spricht Gottes erstes Osterwort: „Fürchtet euch nicht!“ Christus ist auferstanden, und das bedeutet: Der Tod, die Angst und das Scheitern haben nicht das letzte Wort.
Gliederung:
– Im Morgengrauen: Frauen gehen zum Grab
– „Fürchtet euch nicht“ – das erste Wort der Osterbotschaft
– Gottes Tat, nicht unsere Leistung (Luther, Barth, Bonhoeffer)
– Konfi-Fenster: Furcht und große Freude gleichzeitig
– Auf dem Weg begegnet uns der Lebendige
Margarete steht kurz vor halb sechs in ihrer Küche und wartet auf den Kaffee. Draußen liegt noch Dunkel über den Feldern, nur am Horizont zeichnet sich ein schmaler, heller Streifen ab – dieses merkwürdige Blaugrau, das weder Nacht noch Morgen ist. Seit Hans gestorben ist, schläft sie nicht mehr so tief. Drei Jahre sind das jetzt. Manche Morgen fühlen sich an, als wäre es gestern gewesen. Sie schaut hinaus, und ein Gedanke kommt ihr ganz unvermittelt: So muss es gewesen sein. Früh morgens. Bevor der Tag richtig anfing. Als die Frauen aufgebrochen sind.
Genau das berichtet uns Matthäus, nüchtern und knapp: „Nach dem Sabbat, als der erste Tag der Woche anbrach, kamen Maria Magdalena und die andere Maria, um nach dem Grab zu sehen.“ Kein Triumphzug, kein Fanfarenstoß. Zwei Frauen im Halbdunkel, die tun, was man tut, wenn man nicht weiß, wohin sonst: Sie gehen hin. Zum Grab. Weil Liebe nicht einfach aufhört, wenn jemand stirbt. Weil man manchmal keine anderen Schritte kennt als die auf das Ende zu. Sie gehen nicht, weil sie Hoffnung haben. Sie gehen, weil sie geliebt haben.
Das kennen wir. Wir kennen diese frühen Morgenstunden, in denen man aufwacht und einen Moment braucht, um zu realisieren: Ja, das ist wirklich so. Der Verlust ist wirklich. Die Erschöpfung ist wirklich. Die Stille, die sich ausbreitet, wo früher jemand war – auch die ist wirklich. Und trotzdem steht man auf. Manchmal ist das das Mutigste, was ein Mensch tun kann.
Die langen Wochen der Passionszeit liegen hinter uns – Wochen, in denen wir mit dem Kreuz Jesu unterwegs waren, mit seiner Einsamkeit in Gethsemane, mit dem schweren Schweigen des Karsamstags. Und jetzt, an diesem Morgen, bricht etwas auf. Die Erde bebt buchstäblich. Ein Engel Gottes kommt herab, rollt den Stein weg – diesen schweren, endgültig wirkenden Stein – und setzt sich einfach darauf. Die Wächter werden starr vor Schrecken. Und der Engel wendet sich – nicht zu den Soldaten, nicht zu den Mächtigen – er wendet sich zu diesen zwei Frauen, die einfach gekommen sind, weil sie nirgendwo anders hinwussten, und sagt: „Fürchtet euch nicht! Ich weiß, dass ihr Jesus, den Gekreuzigten, sucht. Er ist nicht hier; er ist auferstanden, wie er gesagt hat.“
Fürchtet euch nicht. Das ist das erste Wort der Osterbotschaft. Nicht: Jubelt! Nicht: Triumphiert! Nicht einmal zuerst: Freut euch! Das erste Wort richtet sich an die Angst. Als würde Gott selbst genau wissen: Die erste Reaktion auf das Unfassbare ist kein Jubelruf. Es ist Erschrecken. Es ist dieses Zittern, das einem in die Glieder fährt, wenn etwas Größeres geschieht, als man begreifen kann. Und Matthäus bestätigt das am Ende des Abschnitts ausdrücklich: Die Frauen verließen das Grab „mit Furcht und großer Freude“. Beides gleichzeitig. Das ist kein Widerspruch. Das ist Glaube: nicht die Freude, die die Angst einfach wegdrückt, als wäre sie nie da gewesen – sondern die Freude, die mitten in der Angst aufbricht. Wie das erste Licht im Morgengrauen, das man zunächst kaum sieht, und das dann langsam wächst, bis es den ganzen Horizont füllt.
Wir alle kennen unsere Ängste, und niemand hier muss so tun, als gäbe es sie nicht. Manche tragen die Angst um die Gesundheit, darum, ob man noch selbstständig bleiben kann. Manche kennen die Angst um die Menschen, die sie lieben. Und manche kennen eine stillere, schwerer zu benennende Angst: die Angst, abgehängt zu werden. Von der Technik, vom Tempo der Zeit, von den Enkeln, die selbstverständlich mit Bildschirmen umgehen, während man selbst noch überlegt, welche Taste was bedeutet. Das ist keine kleine Angst. Die Welt verändert sich in einem Tempo, das niemanden unberührt lässt. Alles läuft über digitale Kanäle, Begegnungen finden per Video statt, Gemeinschaft organisiert sich auf Plattformen, von denen man kaum weiß, wie sie heißen. Das überfordert – nicht nur Ältere, übrigens. Auch die Jüngeren kennen den Druck, immer erreichbar, immer sichtbar, immer optimiert zu sein. Als ob das Leben eine Leistungskennzahl wäre, die man täglich erfüllen und am besten noch überbieten muss. Die Erschöpfung dahinter ist real. Und genau dorthin spricht Ostern: Das Leben ist keine Leistungskennzahl. Gott misst nicht so.
Martin Luther hat Zeit seines Lebens mit dieser inneren Angst gerungen – der Angst, nicht zu genügen, nicht fromm genug zu sein, vor Gott nicht zu bestehen. Und er ist immer wieder auf denselben Punkt zurückgekehrt: Nicht ich, sondern Christus. Was ich nicht leisten kann, das hat er geleistet. Was ich nicht überwinden kann, das hat er überwunden. Die Auferstehung Jesu Christi ist nicht mein Werk. Sie ist Gottes freie, unverdiente Tat an uns. Das Fundament, auf dem wir stehen, ist nicht unsere Stärke oder unsere Frömmigkeit. Es ist das, was Gott getan hat – und das allein trägt.
Karl Barth hat die Auferstehung einmal das große „Dennoch“ Gottes genannt: Gottes klares Ja gegen das Nein des Todes. Nicht trotz Karfreitag, sondern durch Karfreitag hindurch. Das leere Grab ist kein philosophisches Rätsel, das wir lösen müssen. Es ist Gottes Zeichen, sein Ausrufezeichen in die Welt: Ich habe das letzte Wort. Und mein letztes Wort ist Leben.
Dietrich Bonhoeffer, der selbst wusste, was es bedeutet, unter Lebensgefahr zu glauben und mitten in dunklen Zeiten an der Gnade Gottes festzuhalten, hat die österliche Hoffnung nie als bequemes Wunschdenken verstanden. Sie hat Christus das Leben gekostet. Und sie kostet auch uns etwas – nämlich das Vertrauen, das wir ihr entgegenbringen müssen. Nicht blindes Vertrauen, sondern mutiges. Das Vertrauen des Trotzdem: Ich glaube, auch wenn der Morgen noch dunkel ist. Ich gehe los, auch wenn ich das Ende noch nicht sehe.
Jetzt möchte ich kurz bei Jonas bleiben. Jonas ist vierzehn Jahre alt und sitzt heute hier, weil er in wenigen Wochen konfirmiert wird. Er hat im Unterricht letzte Woche sehr direkt gefragt – so wie Jugendliche fragen, wenn sie es ernst meinen: „Glauben Sie wirklich, dass Jesus auferstanden ist? Wirklich wirklich auferstanden?“ Es ist eine gute Frage. Vielleicht stellen Sie sich diese Frage innerlich gerade auch, auf Ihrem Platz. Und ich sage Ihnen: Diese Frage ist kein Zeichen von fehlendem Glauben. Die Frauen am Grab haben gezittert. Der Glaube beginnt nicht mit Gewissheit. Er beginnt mit dem Weg dorthin. Mit dem Offenbleiben für das, was sich nicht beweisen lässt, aber sich trägt. Der Apostel Paulus ruft in seinem ersten Brief an die Korinther: „Tod, wo ist dein Stachel? Hölle, wo ist dein Sieg?“ – das ist kein ruhiger akademischer Satz. Das ist ein Ruf aus einer Gewissheit heraus, die selbst durch viele Fragen und Erschütterungen hindurchgegangen ist.
Was Jonas braucht – und was wir alle manchmal brauchen –, ist vielleicht weniger ein letzter Beweis als eine Gemeinschaft, die sagt: Wir glauben das miteinander. Wir tragen einander in diesem Vertrauen. In dieser Kirche sitzen Menschen, die Ostern schon dreißig, vierzig, fünfzig Mal gehört haben. Die wissen, wie sich dieser Glaube in Trauer bewährt hat, in Krankheit, in Zeiten, wo man ihn nicht mehr fühlen konnte. Und hier sitzen Menschen, die gerade anfangen zu fragen: Was bedeutet das eigentlich für mein Leben? Beide Fragen gehören zusammen. Die Gemeinde ist kein Museum des Glaubens und kein Leistungsbetrieb. Sie ist ein Ort, wo man suchen darf und wo man getragen wird – ein Ort der Tiefe in einer Welt, die immer schneller dreht.
Der Engel sagt den Frauen schließlich: „Kommt her und seht die Stätte, wo er gelegen hat. Und geht eilend hin und sagt seinen Jüngern: Er ist auferstanden von den Toten.“ Zuerst: Kommt und seht. Lasst es ankommen. Staunen ist erlaubt. Erschrecken ist erlaubt. Zweifeln auch. Und dann: Geht hin. Sagt es weiter. Tragt es aus dieser Kirche hinaus auf die Felder, in die Häuser, in die Familien, in die stillen Morgenstunden vor dem Küchenfenster.
Die Frauen laufen los. Und auf dem Weg – nicht im Tempel, nicht bei einer feierlichen Zeremonie, sondern auf dem ganz gewöhnlichen Weg – begegnet ihnen Jesus. Er sagt: „Seid gegrüßt!“ Und dann: „Fürchtet euch nicht.“ Noch einmal. Als müsste dieses Wort öfter gesagt werden, als einmal reicht. Als müsste es tiefer einsinken in uns, Schicht für Schicht: Ich bin da. Der Tod hat mich nicht gehalten. Und er wird euch nicht halten.
Wenn Margarete nachher nach Hause geht, werden die Felder im Aprilsonnenlicht liegen. Sie wird an Hans denken. Vielleicht taucht die Trauer wieder auf, ungebeten, mitten in die Freude hinein. Furcht und große Freude – beides gleichzeitig. Das ist nicht falsch. Das ist Ostern: ehrlich, tief und offen für das ganze Leben. Und sie wird ein Wort mittragen: Fürchtet euch nicht. Nicht als Befehl. Als Versprechen. Als Zusage von einem, der selbst durch den Tod gegangen ist – und wiedergekommen ist.
Wir feiern heute Ostern. Nicht weil alles gut ist. Nicht weil wir keine Fragen hätten. Sondern weil Christus auferstanden ist – und weil das für Margarete gilt, für Jonas, für Sie und für mich. Gott hat das letzte Wort. Und sein letztes Wort lautet Leben.
Er ist auferstanden. Er ist wahrhaftig auferstanden.
Amen.
