19.04.2026 · Misericordias Domini · Johannes 10,11–16 (Reihe II)

Predigtkern:

„Ich bin der gute Hirte“ – das ist kein Idyll, sondern ein Bekenntnis: Christus kennt uns beim Namen, gibt sein Leben für uns und lässt niemanden fallen, der ihm gehört.

Gliederung:

– Gekannt sein: das Tiefste, wonach ein Mensch sich sehnt

– Der gute Hirte: kennen und gekannt werden

– Hirte oder Mietling – der Unterschied zeigt sich in der Krise

– Konfi-Fenster: jemanden kennen, der einen kennt

– Die eine Herde – Gemeinschaft als Zeichen

Es war nach der Konfirmandenstunde, einem Dienstagabend Mitte April. Jonas stand vor dem Kirchengebäude und wartete, dass sein Vater ihn abholte. Margarete kam gerade aus dem Gemeindebüro, Einkaufstasche in der Hand, und blieb kurz stehen. Die beiden kennen sich kaum – ein paarmal gesehen, ein paarmal genickt. Aber an diesem Abend fragte Margarete: „Na, wie war's?“ Jonas zuckte die Schultern und sagte dann doch: „Wir haben über den guten Hirten geredet.“ Kurze Pause. Margarete: „Das ist ein schönes Bild.“ Jonas: „Ich kenn keine Schafe.“ Margarete lachte – zum ersten Mal seit Wochen, wirklich herzhaft.

Das Bild vom Hirten ist uns vertraut. Vielleicht zu vertraut. Es hängt in Kinderbibeln, es schmückt Konfirmationsbildchen, es gehört so selbstverständlich zum kirchlichen Bildvorrat, dass wir manchmal darüber hinwegsehen, was darin eigentlich steht. Wenn wir aber genau hinhören, was Jesus in diesem Abschnitt aus dem Johannesevangelium sagt, dann ist das kein gemütliches Idyll. „Ich bin der gute Hirte. Der gute Hirte lässt sein Leben für die Schafe.“ Das erste, was Jesus über den guten Hirten sagt, ist: Er stirbt für die Schafe. Das ist kein Postkartenmotiv. Das ist eine Aussage über Kreuz und Auferstehung, über den Ernst der Liebe Gottes. In der Osterzeit, in die dieser Sonntag fällt, ist das kein Zufall: Der gute Hirte, der sein Leben lässt – das ist derselbe, der auferstanden ist.

Aber da ist noch etwas, das vielleicht noch tiefer geht: „Ich bin der gute Hirte und kenne die Meinen, und die Meinen kennen mich.“ Kennen. Das griechische Wort, das Johannes hier benutzt, meint kein oberflächliches Registrieren. Es meint die Art von Kennen, die zwischen zwei Menschen entsteht, die wirklich miteinander gelebt haben. Die Art von Kennen, die weiß: wie du deinen Kaffee trinkst, wann du schweigst, weil du traurig bist, und wann du schweigst, weil du nachdenkst. Die Art von Kennen, die nicht wegschaut, wenn es schwierig wird.

Und das ist vielleicht das Tiefste, wonach ein Mensch sich sehnen kann: Wirklich gekannt zu sein. Nicht für seine Leistungen, nicht für sein Erscheinungsbild, nicht für das, was er nach außen zeigt. Sondern innen, wo es unordentlich ist und unklar und manchmal ängstlich. Wir leben in einer Zeit, in der man viele Menschen kennt – oder zumindest kennt man ihre Profile, ihre Meinungen, ihre öffentlich gezeigten Momente. Das Netz ist voll von Bekannten und gleichzeitig voll von Einsamkeit. Manchmal scheint beides proportional zu steigen: je mehr Kontakte, desto weniger, die wirklich wissen, wie es einem geht. Für ältere Menschen kann das besonders schmerzhaft sein, wenn das gesellschaftliche Leben kleiner geworden ist, wenn man nicht mehr mobil ist, wenn die Nachbarschaft sich verändert hat, wenn man das Gefühl hat: Ich werde unsichtbar.

Genau gegen diese Erfahrung spricht Jesus. Ich kenne die Meinen. Ich sehe euch. Ich weiß, wer ihr seid. Nicht wer ihr sein wollt, nicht wer ihr früher wart, nicht wer ihr nach außen zeigt – ich kenne euch, so wie ihr seid.

Martin Luther hat einmal betont, dass das Evangelium immer an den Einzelnen adressiert ist. Nicht an eine abstrakte Masse, nicht an ein Kollektiv. Sondern: Du. Du bist gemeint. Du hast einen Namen vor Gott. Das ist reformatorisches Herzstück – diese persönliche Adressierung. Nicht: Gott liebt die Menschheit irgendwie, im Großen und Ganzen. Sondern: Gott liebt dich. Kennt dich. Ruft dich beim Namen. Wie der Hirte seine Schafe beim Namen ruft – so heißt es im selben Kapitel wenige Verse vorher im Johannesevangelium. Der Hirte kennt jeden Namen.

Jesus macht in dem Abschnitt, den wir heute hören, einen scharfen Unterschied: der gute Hirte und der Mietling. Der Mietling arbeitet für Geld. Er ist dabei, solange es einfach ist. Wenn aber der Wolf kommt – wenn es gefährlich wird, wenn es etwas kostet – läuft er weg. Die Schafe sind ihm letztlich gleichgültig. Der gute Hirte bleibt. Auch wenn es ihn das Leben kostet. Das ist kein romantischer Heroismus. Das ist die nüchterne Aussage: Für Christus sind wir keine Funktion, keine Zahl in einer Statistik, keine Leistungskennzahl. Wir sind die Seinen.

Dietrich Bonhoeffer hat von der „Kirche für andere“ gesprochen – einer Kirche, die nicht in erster Linie für sich selbst existiert, sondern für die Menschen. Eine Kirche, die hinschaut, wo andere wegsehen. Die bleibt, wenn der Mietling läuft. Das ist eine hohe Messlatte. Und manchmal verfehlen wir sie – als Institution, als Gemeinschaft, als Einzelne. Aber es bleibt die Messlatte. Der gute Hirte ist unser Maßstab.

Karl Barth hat daran erinnert: Der Hirte ist Christus selbst – nicht die Kirche, nicht das Amt, nicht irgendeine Institution. Die Kirche ist gut, soweit sie seinen Spuren folgt. Sobald sie sich selbst wichtiger nimmt als die Schafe, hat sie den Hirten aus den Augen verloren. Deshalb ist das Bild des guten Hirten nicht nur Trostbild – es ist auch Maßstab und Einladung zur Selbstprüfung.

Jonas fragte nach der Konfirmandenstunde: „Aber woran merke ich, dass er mich kennt?“ Eine wunderbare Frage. Vielleicht ist die Antwort nicht abstrakt, sondern ganz konkret: Schau, wer bei dir geblieben ist, wenn es schwierig war. Wer nicht weggelaufen ist, wenn du Fragen hattest, die unbequem waren. Wer dir zugehört hat, auch ohne fertige Antworten. Manchmal zeigt sich der gute Hirte durch Menschen – durch die Nachbarin, die klingelt, wenn sie drei Tage nichts von jemandem gehört hat. Durch das Gemeindemitglied, das nach dem Gottesdienst nicht sofort geht, sondern kurz fragt: „Wie geht es Ihnen wirklich?“ Durch die alte Frau vor der Kirche, die fragt: „Na, wie war's?“ Das sind kleine Zeichen des Hirten in der Welt. Kleine Momente, in denen jemand nicht davonläuft.

Das Bild schließt mit einem Satz, der über das Vertraute hinausgeht: „Ich habe noch andere Schafe, die sind nicht aus diesem Stall; auch diese muss ich führen, und sie werden meine Stimme hören, und es wird eine Herde und ein Hirte sein.“ Eine Herde und ein Hirte. Das ist keine Drohung der Uniformität – alle müssen gleich denken, gleich beten, gleich sein. Es ist eine Verheißung der Einheit in Vielfalt. Menschen aus verschiedenen Stallungen, verschiedenen Traditionen, verschiedenen Hintergründen – und doch alle gehört zum selben Hirten.

Das hat Konsequenzen für uns als Gemeinde. Wir sind keine exklusive Vereinsmitgliedschaft. Der Hirte sucht noch mehr. Er läuft hinterher. Das ist das Bild, das Jesus von Gott zeichnet: nicht wartend hinter verschlossener Tür, sondern suchend. Und das bedeutet: Wer zu uns kommt mit Fragen, mit Zweifeln, mit einem langen Weg hinter sich und noch keiner Heimat – der gehört hier dazu. Der Platz ist reserviert.

Wenn Margarete und Jonas an jenem Dienstagabend vor der Kirche standen und Margarete lachte, hat einer den anderen vielleicht ein kleines Stück weniger allein gemacht. Eine Witwe und ein Vierzehnjähriger – was haben die miteinander zu tun? Vielleicht mehr, als man zunächst denkt. Beide suchen etwas. Beide haben Fragen. Beide sind, ob sie es wissen oder nicht, Schafe desselben Hirten. Und dieser Hirte kennt beide – bei ihrem Namen, in ihrer Situation, in ihrer Sehnsucht.

Wir sind alle Schafe desselben Hirten. Der uns kennt, wirklich kennt. Der für uns sein Leben gelassen hat. Der nicht wegläuft, wenn es schwierig wird. Der sagt: Du gehörst dazu. Auch du. Gerade du.

Amen.